Datenscouting: Wie verschiedene Konzepte zu Erfolg führen

Mathematik und Fußball – zwei Dinge, die der durchschnittliche Fußballfan zunächst nicht miteinander verbindet. Dabei sind sie im modernen Fußball längst untrennbar. Datenscouting ersetzt zunehmend das Livescouting, weil es kostengünstiger ist, da Scouts nicht mehr rund um den Globus reisen müssen, und gleichzeitig die Menge an Spielereindrücken erhöht. So müssen nicht mehr unzählige Stunden an Fußballspielen geschaut werden, und es lässt sich deutlich präziser feststellen, was ein Spieler kann und wo Verbesserungsbedarf besteht. Vereine nutzen dabei unterschiedlichste Modelle. Prominente Vertreter sind unter anderem Brighton & Hove Albion, 1. FC Nürnberg, Heart of Midlothian, Union St. Gilloise, Como 1907 mit Jamestown Analytics, Schalke 04 und Brentford FC mit ihrem „Money Ball-Prinzip”.

Modelle

Jamestown Analytics

Die Popularität von Jamestown Analytics begann mit dem Aufstieg von Brighton und Union Saint-Gilloise. Beide gehören dem englischen Anteilseigner Tony Bloom und begeistern mit überragender Scoutingarbeit. Ursprünglich entstand das Programm durch die Abspaltung von Blooms datenbasiertem Wettunternehmen Starlizard.

Weitere Kooperationen, die das Unternehmen inzwischen eingegangen ist, bestehen mit dem deutschen Zweitligisten 1. FC Nürnberg, dem italienischen Erfolgsclub Como 1907, dem schottischen Club Heart of Midlothian, Melbourne Victory aus Australien sowie dem norwegischen IK Start. Hinzu kommt die selbst auferlegte Regel, dass JTA pro Land exklusiv nur mit einem Club zusammenarbeitet. Das Unternehmen unterstützt seine Partner beim Scouting, um die Kaderplanung zu optimieren, und in der Spielvorbereitung, um den Gegner des nächsten Spieltags präzise zu analysieren.

JTA Teams

Ziel ist es, beim Scouting Nischenmärkte zu nutzen und Spieler zu finden, die aus wirtschaftlicher Sicht einen spannenden Transfer versprechen. In kleineren Märkten lässt sich ähnliches Talent entdecken wie in stark frequentierten Ländern, jedoch sind die Rahmenbedingungen oft besser, weil der verhandelnde Club meist nicht in einem so starken Konkurrenzfeld steht. Durch das Entdecken durch Daten in kleinen Märkten können sich die JTA-Partner in eine Art Monopolstellung bringen. Um den sportlichen Vergleich zwischen den Ligen zu ziehen, hilft ein Algorithmus dabei, inwiefern der gescoutete Spieler in der heimischen Liga funktionieren kann.

Erweist sich ein Transfer als voller Erfolg, entsteht meist ein enormer Wiederverkaufswert. Spieler werden für vergleichsweise geringe Ablösesummen verpflichtet und später mit Gewinn verkauft. Beim Verkauf von Moises Caicedo erzielte Brighton beispielsweise über 100 Millionen Euro – Summen, die einen Verein vom Abstiegskandidaten zum Mittelklasseclub und vom Mittelfeldteam ins oberste Regal hiefen können.

Schalkes „Stats Libuda“ und „Hub Stevens“

Ein aktuelles Positivbeispiel ist der FC Schalke 04 mit seinem neuen Datenmodell. Angelehnt an die Schalke-Legende Stan Libuda rief S04 noch unter dem früheren Boss Peter Knäbel das Scoutingportal „Stats Libuda“ ins Leben. Um auch das Trainerscouting, die Spielanalyse, medizinische Abläufe und das Torwart-Scouting zu präzisieren, wird es durch „Hub Stevens“ ergänzt – namentlich selbstverständlich stark an Trainer-Ikone Huub Stevens orientiert.

Um das Scouting exemplarisch zu veranschaulichen: Schalke suchte einen laufstarken Mittelfeldspieler mit Qualitäten in der Chancenkreation. „Stats Libuda“ identifizierte Soufiane El-Faouzi, der in der 3. Liga bei Alemannia Aachen herausragende Werte im athletischen, zweikämpferischen und spielgestaltenden Bereich vorweisen konnte. Schalke wählt Spieler anhand ihres Schalke-Scores aus. Dazu fließen die gewünschten Attribute in einen Algorithmus ein, der die Schalke-DNA berechnet. So werden Spieler zu potenziellen Neuverpflichtungen, die wirklich ins System passen. Das garantiert natürlich nicht, dass jeder Transfer aufgeht, erhöht aber die Chance, einen Spieler zu finden, der Schalke 04 verstärkt.

Die neue Strategie lockt auch potenzielle neue Scouts an, die mit dem Programm arbeiten wollen. Im Winter stieß zum Sportvorstand Frank Baumann Scoutingleiter und Kaderplaner Maximilian Lüftl aus Hannover dazu:

Was mich sofort überzeugt hat, ist die einzigartige Schalke-DNA mit Mut, Herz und Zielstrebigkeit. Unser klarer Anspruch ist es, diese konsequent in der Kaderplanung umzusetzen.

Lüftl bei seiner Vorstellung auf Schalke

Schalke konnte den Verein innerhalb eines Sommers dank der neuen Strategie komplett umkrempeln. Endlich macht Fußball in Gelsenkirchen wieder Spaß, und der Club könnte bald auch wieder erstklassig sein – auch dank guter, datenbasierter Scoutingarbeit.

Schalke Fans
Sie dürften mit der neuen Strategie sehr glücklich sein: Die Schalker Fans in der Nordkurve © Orchi (CC BY-SA 3.0)

Brentford: „Money Ball-Prinzip”

Der Begriff des „Money Ball-Prinzips“ stammt ursprünglich aus dem Baseball und dürfte vielen Fans der US-Sportart sowie des Kinos bekannt sein: Das Baseballteam Oakland Athletics wählte unter General Manager Billy Beane, im gleichnamigen Biopic von Brad Pitt verkörpert, Spieler aus, die in den gängigen Statistiken eher mittelmäßig abschnitten, aber in bestimmten Advanced Metrics herausstachen und vor allem eines waren: günstig. Ziel ist es, Spieler zu finden, die in jeder Hinsicht unterbewertet sind: geringer Marktwert und wenig Wettbewerb. Sie sollen günstig verpflichtet werden und anschließend sportlichen oder wirtschaftlichen Profit ermöglichen.

Der „Money Ball-Aspekt” verschiebt den Scouting-Ansatz von einer subjektiven hin zu einer klar statistischen Perspektive. Die Datenanalyse soll nicht bei simplen Zahlen stehen bleiben, sondern tiefer gehen. Spieler werden nicht nach ihren erzielten Toren gesucht, sondern anhand der erwarteten Tore. Dabei geht es nicht darum, wie effizient ein Spieler ist, sondern wie gut er sich in Abschlusspositionen bringt. Nach derselben Strategie arbeiten auch der technische Direktor von Brentford FC, Lee Dykes, und sein Team. Mithilfe des Statistikprogramms „Smartodds”, das weltweit Spielerstatistiken verfolgt, soll das Scouting datentechnisch abgedeckt und durch Videomaterial ergänzt werden. Dykes war außerdem dafür verantwortlich, Profile anders zu unterteilen als herkömmlich: 16 spezifische Rollen, die anhand von sechs Attributen bewertet werden.

Brentford Stadion
Das Brentford Community Stadium hat in den letzten Jahren dank gutem Scouting endlich erstmalig Premier Legaue-Fußball erleben dürfen © flickr (CC BY 2.0)

Fazit

Heißt das, dass Live- und Videoscouting der Vergangenheit angehören, weil Datenscouting deutlich effektiver ist und Erfolg verspricht? Selbstverständlich nicht – Scouts sollten auch weiterhin den allseits bekannten „Eyetest“ anwenden, da sich einige Eigenschaften wie z. B. Eigenschaften, die der Spielintelligenz zuzuordnen sind, nicht in Zahlen abbilden lassen. Daher ist eine Mischung aus beiden Welten vermutlich die beste Lösung. Allerdings beweisen Modelle wie von Jamestown Analytics, FC Brentford und „Stats Libuda“ (Schalke 04) ihre Effizienz. In jeder Saison kommen neue Spieler aus diesem Modell heraus und begeistern nach einem Transfer für ihren neuen jeweiligen Club.

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