Steht hier Europas nächster Elite-Coach bereits in den Startlöchern? Fußballfans, der 2010er-Jahre werden Filipe Luís auf jeden Fall kennen. Wenn der Außenverteidiger, immer bekannt für seine langen Haare und sein Stirnband, für Atletico Madrid auflief, hielt er die linke Abwehrseite stets geschlossen. Für die brasilianische Nationalmannschaft lief Luís 44 mal auf und gewann mit der »Seleção« 2019 die Copa América im Heimatland.

Filipe Luís Selecao
Filipe Luís im Trikot der Nationalmannschaft © Svetlana Beketova (CC BY-SA 3.0)

Filipe Luís – erste Trainerstation bei Flamengo

Im Herbst 2024 trennte sich Flamengo Rio de Janeiro vom früheren brasilianischen Nationaltrainer Tite, nachdem der Traditionsclub mit nur vier Siegen aus 15 Spielen in einer Krise steckte. Sein Nachfolger auf Interimsbasis wurde Filipe Luís, der seine aktive Karriere zuvor in seiner Heimat ausklingen ließ und im Jugendbereich des Vereins seine Trainerlaufbahn begonnen hatte. Nur zwei Monate nach seiner Anstellung gelang ihm sein erster großer Erfolg: der Gewinn des brasilianischen Pokals im Finale gegen Atlético Mineiro.

Auch 2025 setzte Luís mit seiner Mannschaft den Erfolgslauf fort. Durch den Triumph im »Supercopa do Brasil« holte Flamengo bereits den nächsten Titel innerhalb weniger Monate. Zudem sicherte sich das Team die Stadtmeisterschaft von Rio de Janeiro im Duell mit Fluminense, bevor die reguläre Saison 2025 überhaupt startete.

Auf internationaler Bühne sorgte die Mannschaft des ehemaligen Linksverteidigers ebenfalls für Aufsehen. Bei der ersten Auflage der neuen FIFA-Klub-WM blieb Flamengo in der Gruppenphase ungeschlagen und besiegte unter anderem den späteren Turniersieger Chelsea mit 3:1. Im Achtelfinale gegen den FC Bayern München war dann Schluss, aber zeitweise wirkte die brasilianische Mannschaft so, als könne man mit den europäischen Giganten mithalten.

In seiner bisher einjährigen Amtszeit beim siebenmaligen brasilianischen Meister kann er auf eine herausragende Bilanz blicken: In 84 Spielen holte er 55 Siege, 19 Unentschieden und kassierte nur zehn Niederlagen. Das ergibt einen beeindruckenden Punkteschnitt von 2,19.

Filipe Luís – Kader bei Flamengo

Ein Blick auf den Kader zeigt einige Namen, die aus dem europäischen Fußball bekannt sind. Mit Emerson Royal, Matías Viña, Alex Sandro, Saúl Ñíguez, Allan, Samuel Lino, Luiz Araujo, Pedro und Bruno Henrique vereint Flamengo allein neun Spieler mit Champions-League-Erfahrung. Auch Nicolás de la Cruz gehört zum Team – ein Spieler, der zu den besten zählt, die noch nicht in Europa gespielt haben.

Da diese jedoch nicht die wichtigsten Spieler für das System des Brasilianers sind, folgt nun ein Blick auf die Schlüsselspieler Flamengos.

Agustín Rossi ist der Rückhalt des Flamengo-Teams. Als einer der stärksten Torhüter Südamerikas ist er für die Defensive und im Aufbau ein nicht wegzudenkender Teil im System von Filipe Luís. Wegen des Planes mit einer Torwartkette aufzubauen, muss er selbstbewusst im eigenen Spiel mit Ball sein. Ihm gelingt es auch in einer gewissen Regelmäßigkeit zielgenaue lange Bälle zu schlagen, die das vertikal ausgerichtete Spiel der Brasilianer vorantreiben.

Mit Jorginho kam im Sommer 2025 ein wahrer Routinier in die Mannschaft. Mit seiner Erfahrung auf europäischem Level, dem Sieg der Champions League 2021, der Europa League 2019, der Europameisterschaft 2021 und den individuellen Auszeichnungen wie der des UEFA-Spieler des Jahres 2021 hat Flamengo einen Spieler verpflichtet, der zu seinen Erfolgen auch ein potenzieller Leader sein kann.

Auf der Sechs besticht der in Brasilien-geborene Mittelfeldspieler durch seine enorme Passqualität. Er bringt eine progressive Komponente im Spiel und hat eine hohe Passqualität.

Giorgian de Arrascaeta gehört wahrscheinlich zu besten Spielern in den besten Ligen Südamerikas, die noch nie in einer europäischen Liga gespielt haben. Der Uruguayer absolvierte seit 2019 rund 200 Spiele für Flamengo und ist der Spielmacher des Topteams.

Mit seinen Bewegungen zwischen den Linien nimmt er nahezu an jeder Spielphase teil – ob aktiv am Ball oder abseits des Spielgeräts. In jeglichen Offensivstatistiken performt er überragend und durch seine Fähigkeiten ist er der Schlüsselspieler Flamengos.

Filipe Luís – So spielt Flamengo

In seiner Karriere spielte Filipe Luís unter den unterschiedlichsten Trainern, welche ihn für seine Trainerkarriere prägen konnten. Die prägendesten Figuren waren dabei aber sehr wahrscheinlich José Mourinho und Diego Simeone, bei welchen eher seinen Karrierehöhepunkt erreichte. Mit Mourinho und Simeone traf er auf herausragende Defensivtrainer, die eine Mannschaft ideal im Kollektiv formen konnten und eine klare Grundordnung vorgaben. Ein »Defensive-first-Coach« ist der ehemalige Linksverteidiger aber definitiv nicht, da er seine Mannschaft auch im Ballbesitz vielsprechend spielend lässt. Das belegen auch die Statistiken in der heimischen Liga, in der Flamengo die meisten Tore erzielt, die höchste Ballbesitzquote und die meisten gespielten Pässe pro 90 Minuten hat.

Spiel mit Ball

Im Ballbesitz zeichnet sich Flamengo vor allem durch eine hohe Ballbesitzquote, direktes flaches Kurzpassspiel und ein flexibles taktisches Setup in der Phase mit Ball aus. Luís passt seine Spieltaktik immer an den Gegner an, behält jegliche Grundprinzipien aber bei.

Flamengo baut häufig in einem 3+2-Aufbau auf, bei dem der Torwart Teil der ersten Aufbaulinie wird. Die beiden Sechser positionieren sich dabei tief, während die Außenverteidiger aus der 4-2-3-1-Grundordnung die Breite halten. Das Ziel ist es die gegnerische Mannschaft in Pressingfallen zu locken, um dann zwischen den Linien nach vorne zu spielen. Pässe über den dritten Spieler sind hierbei oftmals das Mittel zum Zweck. Wurden Spieler durch die gute erste Ballbesitzphase im eigenen Abwehrdrittel freigespielt, wird der Raum vor ihnen für Läufe mit Ball genutzt: Oftmals sind es dabei die Außenverteidiger, die diese progressiven Elemente über die Flügel beisteuern. Die Positionierung der Spieler ist relativ fluide und alleine durch die Positionsrotationen kann das System Flamengos so gut funktionieren. Im Passspiel ergeben sich Rauten, Dreiecke, aber auch das Kombinieren in einer S-Formation aus vier Spielern. Auch Überladungen auf der ballnahen Seite sind immer wieder ein viel gesehenes Mittel. Festgesetzt in einer spielrelevanten Zone kombinieren sie auch überragend auf engem Raum und nähern sich in großer Menge dem Ball an.

Im letzten Drittel angekommen schafft es Flamengo sich festzuspielen, sollte der tiefe Block des Gegners nicht so einfach zu überwinden sein. Das Team setzt sich stark in gefährlichen Zonen fest, was auch der höchste Field-Tilt-Wert der Liga und die meisten Berührungen in der gegnerischen Box belegen.

Filipe Luís Field Tilt
Field-Tilt-Statistiken der brasilianischen Serie (Football Match Reports)

Das Bespielen der Halbräume maximiert vor allem Spieler wie Giorgian de Arrascaeta, der in diesem Bereich des Felds seine Stärken am besten zeigen kann.

Filipe Luís Halbraum
Jorginho öffnet hier durch seinen Lauf den Passweg in den Halbraum, wo Flamengo sein Spiel hinlenken möchte (DAZN Football)

Zudem versucht Luís Team auch immer wieder über Flanken gefährlich zu werden. Die Staffelung bei Hereingaben ist klar: Möglichst gute Positionierung und das Abdecken des Zentrums, des ersten und zweiten Pfostens, um potenzielle weitere Pässe in der Box zu ermöglichen. Wie auch gegen Chelsea in der Klub-WM. Die Halbfeldflanke erreicht den Spieler am zweiten Pfosten, nachdem die Spieler auf Höhe der Abseitslinie in den Strafraum gelaufen sind.

Spiel gegen den Ball

Im Spiel gegen den Ball bereitet Filipe Luís seine Mannschaften ähnlich wie seine Ex-Trainer Mourinho und Simeone vor. Flamengo bringt eine ungemeine Intensität mit: Sie gewinnen 54,4 % aller Zweikämpfe, weisen die fünftmeisten Balleroberungen im letzten Spielfelddrittel und bringen den besten PPDA-Wert mit.

Präferiert läuft Luis Mannschaft mit zwei Spielern in der vordersten Linie an. Gelegentlich wird diese sogar noch von zwei Spielern aufgefüllt. Systematisch wird das zu einem 4-2-2-2/4-4-2/4-2-4. Das Ziel ist es nach Ballgewinnen möglichst schnell umzuschalten. Das Anlaufen erfolgt koordiniert und möglichst fair. Wenn dies allerdings nicht gelingt und der Gegner ins Abwehrdrittel Flamengos eindringt, positioniert sich die Mannschaft möglichst kompakt und mit einer hohen Anzahl an Spielern hinter dem Ball.

Filipe Luís – wohin der nächste Schritt?

Filipe Luís hat in nur kurzer Zeit den brasilianischen Traditionsverein wieder an die Spitze geführt und durfte seine Coachingfähigkeiten auch schon gegen europäische Topclubtrainer wie Vincent Kompany oder Enzo Maresca unter Beweis stellen. Früher oder später wird Filipe Luís auf dem Zettel eines Vereins in Europa landen. Naheliegend wäre zum Beispiel, dass er der Nachfolger Diego Simeones bei Atletico Madrid werden könnte, aber auch in der Premier League könnte er zu einem potenziellen Ziel für aufstrebende Mannschaft avancieren.

Der sinnvollste Schritt wäre dennoch erstmal in Brasilien zu bleiben und seine Leistungen zu bestätigen. Auch die erste Meisterschaft seit 2020 sollte ein Ziel mit dem Club aus Rio de Janeiro sein. Danach könnte der Schritt zu einem Verein, der international oder gar Champions League spielt, erfolgen. Simon Rolfes beantwortete bereits eine Frage zu Luís, ob er als Trainer in Europa erfolgreich sein würde: »Angesichts seiner Fußballkenntnisse und seiner Erfahrung mit großen Teams wie Atlético de Madrid und Chelsea halte ich das für eine gute Kombination. Er ist ein sehr ehrgeiziger Typ.«

Von Eintracht Frankfurt zu Crystal Palace – Glasners Wechsel nach England

Nach seiner erfolgreichen Zeit beim Linzer ASK wechselte Oliver Glasner 2019 nach Deutschland. Sein erstes Ziel war Wolfsburg: In der Autostadt absolvierte er eine solide erste Saison als Wölfe-Trainer und steigerte sich im zweiten Jahr noch deutlich, als er den Club erstmals seit der Vizemeisterschaft 2015 wieder in die Champions League führte.

Aufgrund von Differenzen mit der Clubführung und wachsendem Interesse anderer Vereine verließ er den VfL nach zwei erfolgreichen Jahren in Richtung Frankfurt. In der Mainmetropole konnte er zwar nicht an die Liga-Erfolge aus Wolfsburg anknüpfen, feierte aber 2021/22 mit der SGE den größten Erfolg seiner Karriere – den Gewinn der Europa League. Im zweiten Jahr waren die Verantwortlichen um Markus Krösche mit dem gespielten Fußball nicht mehr zufrieden und wünschten sich eine ballbesitzorientierte Ausrichtung. Nach der Saison, die man auf Platz sechs beendete, einigte man sich daher auf eine Trennung.

Nach etwa einem halben Jahr ohne Verein nahm der Premier-League-Club Crystal Palace den Österreicher unter Vertrag. Die Ausgangslage des Londoner Clubs war prekär – die »Eagles« kämpften gegen den Abstieg. Doch mit Spielern wie dem heutigen Bayern-Star Michael Olise und dem ehemaligen Mainzer Jean-Philippe Mateta gelang die Wende, und die Saison endete mit einem respektablen zehnten Platz.


Crystal Palace und die schwierige Planung vor der aktuellen Saison

Nach dem erfolgreichen Umschwung unter Glasner herrschte im Londoner Stadtteil South Norwood eine regelrechte Aufbruchstimmung. Diese positive Stimmung wurde jedoch schnell getrübt: Eine äußerst schwierige Transferphase, zahlreiche Verletzungen und eine Vorbereitung ohne viele Stammspieler wegen internationaler Turniere stellten den Verein vor große Herausforderungen. Der schmerzlichste Verlust war der Wechsel von Olise zum FC Bayern München – der beste Spieler des Kaders hinterließ in der Offensive eine kaum zu schließende Lücke.

Auch der langjährige Abwehrchef Joachim Andersen verließ Crystal Palace nach drei Jahren spät in der Transferperiode. Erschwerend kam hinzu, dass sich wichtige Neuzugänge entweder noch in der Vorbereitung verletzten oder erst spät verpflichtet werden konnten. So stießen beispielsweise Maxence Lacroix und Eddie Nketiah erst zum Ende des Sommertransferfensters zum Team.

Als am achten Spieltag noch immer kein Sieg und nur drei Unentschieden auf dem Konto der Glasner-Elf standen, wurde es zunehmend unruhiger im Club. Auch eine potenzielle Entlassung stand im Raum. Da aber nach wie vor ein gewisses Grundvertrauen für Glasner zu spüren war, hielt Crystal Palace am Österreicher fest, was er seitdem mit erfolgreichen Leistungen und einer eingespielten Mannschaft zurückzahlen konnte. Seit dem 9. Spieltag, an dem der Turnaround gegen Tottenham gelang, steht Palace für den Zeitraum auf einem europäischen Platz.


Taktikanalyse: Kompakte Defensive und Umschaltfußball par excellence

Das Setup

Crystal Palace Glasner Grundformation
Crystal Palace Grundformation in einem 3-4-2-1 mit zwei vertikalen Spielmachern in den Halbräumen

Phase des gegnerischen Ballbesitzes

Wie auch bei seinen vorherigen Stationen beim VfL Wolfsburg und Eintracht Frankfurt setzt der Österreicher auf eine stabile Defensive. In seiner erfolgreichsten Bundesligasaison 2020/21 stellte er mit den »Wölfen« die zweitbeste Defensive der Liga – nur 37 Gegentore, einzig übertroffen von RB Leipzig.

Crystal Palace agiert im Mid-Block mit einem 5-2-2-1-System und einer Low-Press-Taktik. Wird Glasners Mannschaft ins eigene Defensivdrittel gedrängt, ziehen sich die beiden Halbraumspieler ins Mittelfeld zurück und positionieren sich hinter dem Ball. Bei Gelegenheit zum Pressing wechselt das Team in ein mannorientiertes 3-4-3. Dabei zeigen sich charakteristische Muster: Ein Mittelfeldspieler agiert höher als sein Partner, die Halbraumzehner bewegen sich auf Höhe des Stürmers, während die Wingbacks die gegnerischen Außenverteidiger aggressiv attackieren. Palace zeigt sich aber auch taktisch flexibel – gegen tiefstehende Gegner ist auch ein hohes Pressing möglich.

Der rechte Wingback Muñoz schiebt aggressiv auf den gegnerischen Außenverteidiger, seine Mitspieler intensivieren das Anlaufen ebenfalls. Der Ballgewinn erfolgt durch den anderen ballnahen Spieler, der damit das 1:0 für Crystal Palace beim 3:0-Sieg im FA-Cup Halbfinale gegen Aston Villa einleitet.

Phase des eigenen Ballbesitzes

Im eigenen Ballbesitz setzt Glasner auf ein 3-Box-3-System, das möglichst viele Spieler im Zentrum positioniert, um dieses schnell zu überbrücken. Der zentrale Innenverteidiger Maxence Lacroix trägt dabei die Hauptverantwortung als wichtigster Aufbauspieler. Seine Aufgabe ist es, durch linienbrechende Pässe die Kreativspieler Eberechi Eze und Ismaïla Sarr in Position zu bringen.

Unterstützt werden sie von ihren Mitspielern, die durch intelligente Laufwege Schnittstellen öffnen und Überzahlsituationen im Zentrum schaffen. Die Wingbacks Muñoz und Mitchell rücken währenddessen hoch auf und sorgen im letzten Drittel für die nötige Breite im Spiel der »Eagles«. Sie hinterlaufen die gegnerische Abwehr und werden so zu zusätzlichen Offensivkräften.

Diese Spielzüge sollen mit möglichst wenigen Pässen zum Erfolg führen – die Ballbesitzphasen sind zwar kurz, aber sollen effektiv sein. Die hohe Positionierung im Ballbesitz ermöglicht zudem ein vorbereitetes Gegenpressing. Falls dieses überspielt wird, sichern Abseitsfallen und die schnellen Innenverteidiger ab.


Ein Blick auf den Kader: Bestückt mit spielerischer Qualität

Der Kader der Londoner ist nahezu perfekt für den physisch anspruchsvollen Fußball in der Premier League aufgestellt. Die Mannschaft verfügt über zahlreiche Spieler, die sich in direkten Duellen gegen die meisten Gegenspieler in der Liga behaupten können. Auch abseits der körperlichen Stärke steht Oliver Glasner eine außergewöhnliche fußballerische Qualität zur Verfügung.


Er ist der Chef der Dreierkette und gesetzter Nationalspieler der »Three Lions« – Marc Guéhi stammt aus der Jugend des FC Chelsea und war Teil der bekannten »Loan Army«. Bei Swansea City sammelte er wertvolle Spielpraxis und empfahl sich für Crystal Palace. Dort entwickelte er sich über die Jahre zum Schlüsselspieler und wurde sogar zum Kapitän ernannt.

Der Innenverteidiger agiert spielerisch progressiv und sucht gemeinsam mit seinem Nebenmann Maxence Lacroix im Aufbau den direkten Raumgewinn durch präzise, weite Pässe. Glasners Spielidee – mit wenigen Pässen in gefährliche Räume vorzustoßen – setzt er erfolgreich um und zählt in der Premier League bei Assists und Key Passes zu den fünf besten Innenverteidigern. Beim Nach-Vorne-Verteidigen überzeugt der 24-Jährige durch Ballgewinne und gewinnt Zweikämpfe dank guter Antizipation und physischer Präsenz. Seine größte Schwäche zeigt sich im Luftduell – mit 1,82 Meter Körpergröße ist der Engländer gegen viele Gegner im Nachteil.

Seine Entwicklung zu einem Top-Spieler ist nicht unbemerkt geblieben. Im Sommer 2024 zeigte Newcastle United Interesse, und für die kommende Saison 2025/26 hat Tottenham bereits wegen des Nationalspielers angefragt. Die Zukunft des Kapitäns in Südlondon ist daher ungewiss. Zudem verfügt sein ehemaliger Verein Chelsea über eine »Matching-Right-Klausel«, die ihnen garantiert, über jedes eingehende Angebot für Guéhi informiert zu werden.


Nach dem Abgang von Olise ist Eberechi Eze der wichtigste Spieler im Kader und Anführer der »Eagles«-Offensive. Der 26-jährige gebürtige Londoner begann seine Karriere beim FC Arsenal und spielte anschließend für mehrere englische Vereine: Fulham, Reading, Millwall und QPR prägten seine weitere Ausbildung. Nach einer Leihe zu den Wycombe Wanderers wechselte er 2020 für etwa 18 Millionen Euro von QPR zu Crystal Palace. In der laufenden Saison 2024/25 glänzt der Nationalspieler wettbewerbsübergreifend mit neun Toren und elf Vorlagen.

Eze ist ein vertikaler Spielmacher, der sich vermehrt auf Höhe der Achter den Ball abholt und von dort aus mit Dynamik in den Halbraum vorstößt. In dieser Saison entwickelt er sich zunehmend zum Assistgeber und besticht mit seiner Spielübersicht sowie dem Gespür für den (vor-)letzten Pass. Besonders stark ist Eze auch im Pressing gegen den Ball – ein perfekter Spieler für Oliver Glasner.

Wie auch bei Guéhi wecken Ezes Leistungen Interesse. Manchester United hat bereits vorsichtiges Interesse bekundet. Ein Wechsel zum FC Bayern, ähnlich wie bei Olise, wäre auch eine spannende Option, falls die Münchner Florian Wirtz nicht verpflichten können. Eine mögliche Wiedervereinigung mit Olise sowie das Zusammenspiel mit Musiala und seinem Nationalmannschaftskollegen Harry Kane wäre sicherlich ein Genuss für jeden Fußballfan.

Eze im Premier League-Spiel gegen Brighton, welches Crystal Palace mit 2:1 gewann: Er dribbelt vom Flügel ins Zentrum, hat mehrere Optionen, die schwer anspielbar sind. Eze hat die Übersicht für Muñoz, der den Siegtreffer erzielt. (Mateta-Blitzstart und 3-Mal Rot! | Crystal Palace – Brighton & Hove Albion | Highlights – PL 2024/25)

Er hat sich zu einem wahren Top-Stürmer entwickelt – Jean-Philippe Mateta ist die Lebensversicherung der Londoner und mit 14 Saisontoren der erfolgreichste Torschütze. Seine fußballerische Entwicklung begann beim LB Châteauroux, von dort führte sein Weg zum Olympique Lyon. Nach einer Leihe zu Le Havre wechselte er 2018 zum FSV Mainz – der entscheidende Schritt seiner Karriere. In Mainz reifte er zum zuverlässigen Torjäger, was das Interesse von Crystal Palace weckte.

Alleine wegen seines Körpers ist der Franzose ein idealer Zielspieler, ist dennoch ein recht mobiler Stürmer, der als Empfänger für progressive Pässe dienen kann und sich in Richtung gegnerisches Tor aufdrehen kann. Die größte Stärke Matetas ist jedoch sein Abschluss: Mit seiner starken »Goal conversion %« oder dem Wert bei »Goals per 100 Touches« stellt er unter Beweis, dass er kaltschnäuzig vor dem gegnerischen Tor ist. Auch im Pressing zeigt er eine positive Aggressivität – der perfekte Glasner-Stürmer.

Optimal wäre natürlich ein Verbleib des Stürmers, der seit der Anstellung bei Glasner in der besten Phase seiner Karriere steckt. In der Saison 2023/24 drehte er nach dem Trainerwechsel so richtig auf und kam auf insgesamt 22 Scorerpunkte in der Premier League, was auch dafür sorgte, dass Thierry Henry ihn in den Olympiakader Frankreichs holte. Bekanntlich läuft es in dieser Saison auch gut für den 27-Jährigen, der im Sommer aber vor einer schwierigen Entscheidung steht – noch ein großer Wechsel oder weiter bei Crystal Palace?


Glasners Zukunft: Nur ein weiterer Schritt auf der Karriereleiter?

Glasner blickt auf eineinhalb bewegte Jahre in England zurück. Während in Deutschland sein Job nie gefährdet war und er fast ausschließlich Erfolge feierte, musste er in der laufenden Saison erstmals Rückschläge verkraften. Seine Situation änderte sich dramatisch: Im Sommer noch auf der erweiterten Trainerliste des FC Bayern München, stand er wenige Monate später kurz vor der Entlassung.

Doch Glasner gelang es, seine Mannschaft wieder zu stabilisieren und zurück in die Erfolgsspur zu führen. Die beste Saison der Vereinsgeschichte, die in der Sommerpause als Ziel ausgerufen wurde, wird zwar wohl verfehlt – dennoch steht Mitte Mai noch eines der größten Spiele der Vereinsgeschichte bevor: Das FA Cup-Finale gegen Manchester City im Wembley-Stadion.

Diese Leistungen haben auch das Interesse anderer Vereine an Oliver Glasner geweckt. In Deutschland dürften vor allem Bayer 04 Leverkusen und RB Leipzig den 50-Jährigen im Blick haben, während er sich in der Premier League bereits einen Namen gemacht hat. Besonders bei Tottenham könnte – abhängig von der Zukunft von Ange Postecoglou – eine interessante Stelle frei werden. Glasners Vertrag läuft noch bis 2026, was Crystal Palace einer ungewissen Zukunft aussetzt.

Crystal Palace – Oliver Glasner
Oliver Glasner: Liegt seine Zukunft in England? © Sven Mandel (CC BY-SA 4.0)

Der AFC Bournemouth fliegt eigentlich eher unter dem Radar in der Premier League. Allerdings fällt bei einem Blick auf die Tabelle auf, dass die »Cherries« unter Andoni Iraola nach 24 Spielen auf Rang 7 stehen und von Dezember bis Januar ungeschlagen geblieben sind. Besonderes Aufsehen erregte der Club dadurch, dass er sowohl Arsenal als auch Manchester City in der Hinrunde schlagen konnte.

Die Premier League-Geschichte Bournemouths ist noch nicht sonderlich lang – die erste Saison im englischen Oberhaus spielten sie 2015/16. Der Aufstiegstrainer ist kein Unbekannter und hört auf den Namen Eddie Howe, der heute ebenfalls sehr erfolgreich Newcastle United trainiert. Nach vier Jahren in der Premier League stiegen sie ab und mussten für zwei Jahre mit der Championship vorliebnehmen. 2022 konnte man mit Scott Parker dann den erneuten Aufstieg feiern.

Im selben Jahr wechselten die Besitzrechte des Clubs zum US-Amerikaner Bill Foley, der auch zum Vorstand neben seiner Investorenrolle aufstieg. Dass die »Cherries« eine derart starke Entwicklung nehmen konnten, hängt mit der Schlüsselpersonalie dieses Artikels zusammen: Im Sommer 2023 wurde der Spanier Andoni Iraola als neuer Trainer vorgestellt, der Bournemouth in der letzten Saison ins gesicherte Mittelfeld führte und fortan den Club entwickeln soll.

Kaderentwicklung – 3 Schlüsselspieler im Check

Drei Spieler, die exemplarisch für Bournemouths positive Entwicklung stehen, sind Dean Huijsen, Dango Ouattara und Justin Kluivert.

Andoni Iraola: Dean Huijsen DataMB
Radar von Dean Huijsen (DataMB)

Mit Dean Huijsen kam im Sommer ein großes Innenverteidigertalent, welches bei Juventus Turin keine Zukunft mehr gesehen hatte. Knapp ein halbes Jahr nach dem abgeschlossenen Transfer nach England gilt er weltweit als eines der größten Talente auf seiner Position. Der Spanier bringt mit seinen 1,97 m und seiner Athletik ein interessantes physisches Profil mit.

Am spannendsten sind aber seine Fähigkeiten mit dem Ball. Er ist zwar erst 19 Jahre alt, aber in den Kategorien Ballcarrying und Passspiel schon einer der besten im Spiel. Huijsen bricht ohne Probleme gegnerische Linien, dribbelt dadurch vom ersten bis ins letzte Drittel oder findet seine Kollegen mit einem Pass.

Außerdem ist er auch noch ein starker Zweikämpfer und weist die zweitbeste Quote bei gewonnenen defensiven Duellen in der gesamten Premier League auf. Gerade mit seinem Partner Ilya Zabarnyi, der auch als großes Talent gilt, bildet er ein starkes Duo und ist schon in seinem Alter ein Schlüsselspieler für Iraolas Bournemouth.

Andoni Iraola: Dango Ouattara DataMB
Radar von Dango Ouattara (DataMB)

Dango Ouattara wird in dieser Saison von seinem Trainer zu einem »Pressing Striker« geformt und lief zuvor ziemlich unter dem Radar. Der aus Burkina Faso stammende Flügelspieler wurde in der letzten Saison auch vereinzelt als Wingback eingesetzt. Mit dem Ausfall von Evanilson, der im Sommer aus Porto kam, brauchten die »Cherries« aber jemanden, der Iraolas Pressing spielen kann.

Wettbewerbsübergreifend kann Ouattara acht Tore und vier Vorlagen aufweisen und seine Fähigkeiten als Stürmer unter Beweis stellen. Mit seiner Physis kann er Bälle festmachen, ist dennoch mobil, kann mit Tempo in freie Räume am und abseits des Balles vorstoßen und verwertet seine Chancen. Seine beste Eigenschaft ist jedoch seine Intensität gegen den Ball und seine Fähigkeit, Bälle abzufangen (Bestwert der Liga).

Andoni Iraola: Justin Kluivert DataMB
Radar von Justin Kluivert (DataMB)

Die beeindruckendste Entwicklung seit seinem Wechsel nach England zeigt der Sohn einer Barça-Legende: Justin Kluivert ist nach zahlreichen Stationen bei verschiedenen Vereinen endlich auf der großen Bühne angekommen. Der Niederländer hat als Flügelspieler bereits 15 Scorerpunkte gesammelt und spielt die beste Saison seiner Karriere.

Kluivert ist zwar weiterhin ein limitierter Offensivspieler, der nicht als alleinige Offensivwaffe fungiert, kann aber im Zusammenspiel mit den richtigen Mitspielern glänzen. Seine größte Stärke liegt mittlerweile in seinem herausragenden Abschluss, der sich in seiner starken Goal-conversion-Rate, dem Prozentsatz der Torschüsse, die erfolgreich zu einem Tor führen, im Verhältnis zur Gesamtzahl der Torschüsse, widerspiegelt.

Im flexiblen System Iraolas kann Kluivert häufig als Schattenstürmer agieren, ohne sich auf Kreativaufgaben aus den Halbräumen oder von der Außenbahn konzentrieren zu müssen.

Bei diesen Spielern bleibt es aber nicht: Bei Eli Junior Kroupi hat Bournemouth Ernst gemacht. Das französische Talent wurde am Deadline-Day verpflichtet und zurück nach Lorient verliehen. Aber auch der bereits erwähnte Zabarnyi steht für den eingeschlagenen Weg. Bournemouth scoutet in ganz Europa und wirbt die besten Talente frühzeitig an. Unter Andoni Iraola sollen sich diese Spieler dann in das Schaufenster für Topclubs spielen.

Andoni Iraola – Das nächste große Trainertalent?

Die Paradedisziplin der Überraschungsmannschaft der Premier League ist die Phase des gegnerischen Ballbesitzes bzw. des gegnerischen Umschaltens auf Ballbesitz. Jedoch sollte der grundlegende taktische Ansatz und die Phase des eigenen Ballbesitzes nicht zu kurz kommen:

Die Grundformation der »Cherries« ist ein 4-2-3-1. Gerade im offensiven Teil dieser Formation gibt es keine klare Ordnung. Die Dreierreihe hinter dem Stürmer ist sehr flexibel und dort wird auf Positionsrotationen gesetzt.

Andoni Iraola: Bournemouth Grundordnung
Grundordnung 4-2-3-1
Andoni Iraola: Ordnung mit Ball
Ordnung mit Ball

Mit Ball verfolgt Andoni Iraola eine klare Idee – vertikales Spiel nach vorn. Die Innenverteidiger, insbesondere Dean Huijsen, sind dabei die wichtigsten Aufbauspieler. Sie erzielen Raumgewinn entweder durch Andribbeln oder gezielte lange Bälle. Huijsens offensiver Einfluss zeigt sich besonders darin, dass er im europäischen Vergleich zu den besten Innenverteidigern bei tor- und schusserzeugenden Aktionen zählt. Diese Ordnung im Ballbesitz schafft zudem viele Verbindungen zwischen den Spielern, was ein direktes Spiel nach vorn ermöglicht.

Das System des AFC ist stark auf die Flügel ausgerichtet. Die Außenverteidiger rücken weit auf, wobei besonders auf der linken Seite mit dem Flügelspieler und Milos Kerkez eine Überzahl geschaffen wird. Im letzten Drittel soll der Ball von den Außenbahnen in die Halbräume gespielt werden, von wo aus Chancen kreiert werden können. Bei Flanken setzt Bournemouth auf eine hohe Strafraumbesetzung und attackiert gezielt alle wichtigen Zonen im Strafraum.

Iraola Tor nach Flanke
Eine Flanke von der rechten Seite findet Evanilson auf Höhe des Elfmeterpunktes (City patzt! | AFC Bournemouth – Manchester City | Highlights – Premier League 2024/25)
Andoni Iraola: Bournemouth Balleroberungen
Balleroberungen im letzten Drittel: Bournemouth auf Platz 1 im Premier League-Vergleich (FotMob)

Die große Paradedisziplin von Iraolas Mannschaft ist die Phase des gegnerischen Ballbesitzes und das Umschalten nach Ballverlust. Die offensive Staffelung ermöglicht es, bei hohen Ballverlusten direkt ins Gegenpressing überzugehen und dem Gegner die Chance zur Neuordnung zu nehmen.

Kann sich der Gegner jedoch ordnen, etwa bei einem Abstoß des gegnerischen Torwarts, setzt der spanische Trainer auf ein hohes Angriffspressing – hier verzeichnet das Team die meisten Balleroberungen im letzten Drittel pro 90 Minuten in der Premier League.

Der Stürmer attackiert den Strafraum, um den Raum zu verkleinern, während die Mittelfeldspieler dahinter mannorientiert agieren. Die Sechser rücken im Pressing zusätzlich auf, um mindestens eine Gleichzahl herzustellen. Wird diese Pressinglinie überspielt, kann es zwar gefährlich werden, doch dieses Risiko wird durch das Nachrücken aller verfügbaren Spieler minimiert. Das primäre Ziel ist, den Raum im Zentrum zu schließen und den Gegner auf die Flügel zu lenken.

Andoni Iraola: Hohes Pressing bei Bournemouth
Gegen den FC Arsenal lässt Andoni Iraola seine Mannschaft hoch pressen
(Chancenlos zu Zehnt! | AFC Bournemouth – FC Arsenal | Highlights – Premier League 2024/25)

Wo steht Bournemouth am Ende der Saison?

Bournemouth war sicherlich nicht die Mannschaft, die jeder Fußball-Fan auf dem Zettel hatte, wenn es um die diesjährigen besten Mannschaften der stärksten Liga der Welt ging. Was die Frage der Berechtigung dieser Platzierung betrifft, muss man dem AFC jedoch zugestehen, dass sie genau dort stehen, wo sie hingehören. Zwar spielen einige Akteure an ihrem absoluten Leistungsmaximum oder sogar darüber hinaus – dies ist allerdings das direkte Resultat der hervorragenden Arbeit von Andoni Iraola.

nDas vom Spanier etablierte Pressing gehört zu den durchdachtesten und griffigsten Taktiken, die es aktuell in Europa gibt. Mit seinem eher weniger komplexen Ballbesitzspiel gelingt es ihm, die Stärken seines Kaders optimal zur Geltung zu bringen und jeden Spieler in seiner idealen Rolle einzusetzen.

Diese Erfolge wecken natürlich Begehrlichkeiten, weshalb mehrere Clubs ihr Interesse am Erfolgscoach zeigen werden. Der sportlichen Führung des Clubs ist jedoch zuzutrauen, dass sie auf einen möglichen Abgang des Trainers vorbereitet ist. Auch der eingeschlagene Weg in der Kaderplanung erweist sich als richtig, und die Scoutingabteilung verdient besonderes Lob für ihre Fähigkeit, Talente frühzeitig zu erkennen und die richtigen Transfers zu empfehlen.

Abschließend eine Prognose für das Ende der Saison: Ich tippe, dass Bournemouth sich für die Conference League qualifizieren wird.

Dienstag, 5. November 2024, kurz vor 23 Uhr deutscher Zeit – Daniel Siebert pfeift das Champions-League-Spiel zwischen Sporting Lissabon und Manchester City ab. Ein Spiel, das auf dem Papier eigentlich klar für den englischen Meister entschieden sein sollte, endet mit 4:1 für die Portugiesen. Der scheidende Sporting-Trainer Rúben Amorim hat das Trainer-Mastermind Pep Guardiola besiegt und ausgecoacht.

Kein Wunder also, dass Zuschauer vom portugiesischen Trainer begeistert sind, der im Sommer auch mit dem FC Liverpool in Verbindung gebracht wurde. Besonders interessant an dieser Personalie ist jedoch, dass der Stadtrivale der Citizens, Manchester United, Amorim als ten Hag-Nachfolger präsentiert hat. Er wird in der Länderspielpause die Leitung des kriselnden englischen Giganten übernehmen.

Amorim war bis 2017 selbst noch aktiver Spieler und kann auf eine beachtliche Karriere zurückblicken. Für die portugiesische Nationalmannschaft lief er 14-mal auf und hat den Großteil seiner Laufbahn bei Sportings Stadtrivalen Benfica verbracht. Als Mittelfeldspieler war er zwar nie einer der Stars, aber stets ein wichtiger Kaderspieler.

Seine erste bedeutende Trainerstation hatte Ruben Amorim bei der zweiten Mannschaft von Sporting Braga, wo er nach kurzer Zeit zum Cheftrainer der ersten Mannschaft befördert wurde. Dort überzeugte er so sehr, dass Sporting auf ihn aufmerksam wurde und ihn verpflichtet hat. In seiner Debütsaison 2021 führte er Sporting Lissabon zur ersten Meisterschaft seit 2002. Auch in der vergangenen Saison ist es seiner Mannschaft, angeführt vom Stürmerstar Viktor Gyökeres gelungen, den Meistertitel zu verteidigen.


Für welchen Fußball steht Rúben Amorim?

Ich würde Ruben Amorim der Gruppe der neuen talentierten Top-Coaches rund um Xabi Alonso und Roberto De Zerbi zuordnen. Alle setzen auf gute Positionierungen ihrer Spieler und ein dynamisches Spiel mit Ball.

Die bevorzugte Grundformation des Coaches ist ein 3-4-3, bzw. 3-4-2-1, welches sich im Ballbesitz zu einer 3-2-5-Struktur ändert, was mit sehr hochschiebenden Außenverteidigern ermöglicht wird. Diese Struktur ist im System Amorims allerdings nicht fest, sondern sehr variabel: Auch der Torwart kann im Spiel mit Ball eingebunden werden, was situativ bedeuten kann, dass dieser den Dreieraufbau auffüllt, wenn ein Innenverteidiger ins Mittelfeld vorrückt oder die offensive Breite halten soll. Gegen den Ball soll diese 3+x-Absicherung defensive Stabilität bringen, die gerade seiner neuen Mannschaft in Manchester gut zu Gesicht stehen sollte.

Amorims Spiel soll sehr vertikal sein und möglichst schnelles und direktes Überspielen der gegnerischen Linien fokussieren. Dabei wird der Ball von den aufbaustarken Innenverteidigern oft in den Druck hereingespielt und sich auf engem Raum mit direkten Pässen herauskombiniert, wobei Steil-Klatsch-Bälle ein beliebtes Mittel sind.

Wenn der Gegner eher ruhiger gegen den Ball anläuft, agiert Amorims Mannschaft dementsprechend auch etwas weniger vertikal, um den Gegner entweder doch zum Pressing zu provozieren oder sich durch die Linien zu kombinieren. Dann gibt es auch mehr Rotationen und viele Bewegungen zwischen den Linien, um möglichst viel Progression zu erreichen. Dabei füllen verschiedene Offensivspieler das Mittelfeld auf und nutzen hier ebenfalls gute Bälle in den Gegnerdruck. Hier können durch das Ein- oder Ausrücken der Spieler im Zentrum vertikale Linien entstehen, die das Bilden von Dreiecken oder anderen Formen begünstigen, wenn sich weitere Spieler einbinden.

Ruben Amorim 3-4-3-0
Vertikale Linien, die den Aufbau von Ruben Amorim’s Fußball begünstigen.

Wie bereits erwähnt, setzt der 39-Jährige auf sehr hochstehende Wingbacks. Die sollen die gegnerische Struktur nach dem Durchschieben in die letzte Linie brechen. Das Zentrum soll in der Regel im Fußball geschlossen sein, weil dort die Möglichkeit einer gefährlichen Aktion höher ist als in der Breite. Jedoch können lange Bälle hinter die Kette bei hochstehenden Mannschaften als gefährliche Waffe dienen, wenn die Wingbacks schlagartig einrücken und dann frei auf das Tor anlaufen. Damit versucht Ruben Amorim das Mittelfeld des Gegners möglichst stark aufzulösen, sodass sein Zentrum anspielbar ist.

Ruben Amorim Optionen
Grafische Darstellung zu Ruben Amorim’s taktsichen Abläufen

Zur defensiven Einstellung ist zu sagen, dass sich die Flügelverteidiger in eine Fünferkette fallen lassen. Dabei ist er doch auch sehr flexibel, kann seine Teams hoch oder auch verhaltener anlaufen lassen, was jedoch völlig gegnerabhängig ist.


»Match made in heaven« oder Umbruch nötig? – Passt der Kader zu Amorim?

Ein kompletter Umbruch ist nicht nötig, da dieser im Kader und im gesamten Verein bereits in vollem Gange ist. Seit dem Sommer wurden die alten, maroden Strukturen in der Kaderplanung, im Scouting und in der Geschäftsführung aufgebrochen. Ein Prozess, der eng mit dem Einstieg von Ineos-Chef Jim Ratcliffe zusammenhängt. Künftig setzt der Verein auf moderne Arbeitsweisen und datenbasiertes Scouting, ähnlich wie es aufstrebende Premier-League-Vereine wie Brighton oder Brentford vormachen.

Im Kader hat sich ebenfalls einiges getan: Mit Matthijs de Ligt, Leny Yoro, Noussair Mazraoui, Manuel Ugarte und Joshua Zirkzee wurden überwiegend junge, entwicklungsfähige Spieler verpflichtet. Doch wie gut passen diese Neuzugänge und der bestehende Kader zum neuen Coach?

Amorim benötigt für seinen Spielstil technisch versierte Fußballer mit einem breiten Skillset am Ball und einem hohen Fußball-IQ. Im Tor dürfte es wenig Sorgen geben, da André Onana in seiner Zeit bei Inter Mailand bewiesen hat, dass er als zusätzlicher Aufbauspieler agieren kann.

Die voraussichtliche Dreierkette aus Leny Yoro, Matthijs de Ligt und Lisandro Martínez ist am Ball – mit Ausnahme von de Ligt – mindestens durchschnittlich. Hier wird Amorim vermutlich seinen Fußball an die Fähigkeiten der vorhandenen Spieler anpassen müssen. Ein weiterer aufbaustarker Innenverteidiger, vergleichbar mit Sportings Abwehrchef Diomande, könnte von den Red Devils noch in Zukunft adressiert werden.

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Das zentrale Mittelfeld stellt die größte Baustelle dar, obwohl Ruben Amorim mit Manuel Ugarte auf einen ehemaligen Schützling trifft. Seit seinem Wechsel zu PSG hat Ugarte besonders mit Ball nicht zu seiner alten Stärke zurückgefunden. Kobbie Mainoo muss der neue Trainer ebenfalls einplanen, doch es fehlt ein richtiger Strukturgeber, der die beiden jungen Spieler entlasten kann. Für die Wingbacks und Außenstürmer hat Amorim hingegen genügend Optionen zur Verfügung.

Auch im Sturm bieten sich ihm zwei interessante Alternativen: Rasmus Højlund und Joshua Zirkzee sollen in die Rolle des Viktor Gyökeres schlüpfen. Während der Däne dem Spiel mehr Tiefe verleiht, lässt sich Zirkzee besser ins Kombinationsspiel einbinden. Dies bedeutet, dass beide Stürmer bei null anfangen und Amorim seinen Stammstürmer erst noch finden, fördern und formen muss.

Ruben Amorim Topelf
Potenzielle Aufstellung für United unter Ruben Amorim

Mit Ruben Amorim zurück zu alter Stärke?

Manchester United ist die größte Red Flag im europäischen Fußball

Arian Azim in der Podcastfolge »Auslosung im DFB-Pokal, Nuri Sahin darf hoffen & Zweitliga-Update« in Bezug auf einen Transfer von Gyökeres zu Manchester United.

So kann man die derzeitige Lage beim wahrscheinlich größten Verein auf der Insel bezeichnen. Der Umbruch hat, wie erwähnt, schon angefangen und mit Amorim wurde ein potenzieller Elite-Trainer verpflichtet. Wenn ihm die passenden Profile für seinen Fußball noch gegeben werden, könnte United zu alter Stärke zurückkehren, aber das benötigt eine Sache – Zeit und Geduld, die jeder im Verein dem portugiesischen Trainertalent zugestehen sollte.

Vom Spielertrainer in Pipinsried in die beste Liga der Welt: Als Spieler in der Jugend des FC Bayern aktiv, konnte er nie den Sprung zum Profi schaffen. Stattdessen hat er nach weiteren Stationen bei Zweitvertretungen von Profimannschaften seine Trainerkarriere als Spielertrainer in der fünften Liga begonnen, ehe er nach einer Zeit beim DFB zum FC St. Pauli gewechselt ist.

Dort wurde er 2020 Co-Trainer unter Timo Schultz und nach dessen Entlassung im Winter 2022 zum Cheftrainer befördert. Mit einem beeindruckenden Punkteschnitt von 2,16 in 55 Spielen führte er die Kiezkicker nach über einem Jahrzehnt zurück in die Bundesliga, was selbstverständlich auch das Interesse größerer Vereine geweckt hat und wurde Cheftrainer von Brighton – einem der spannendsten Fußballprojekte Europas. Fabian Hürzeler gilt als das größte Trainertalent Deutschlands und Europas. Der in Houston geborene Coach hat bereits Erfolg und strebt nach noch mehr.

Wir können mit Fug und Recht behaupten: Die Entscheidung für ihn war ein absoluter Glücksfall

Andreas Bornemann im November 2023 über Fabian Hürzeler

Brighton-Umbruch mit Fabian Hürzeler – wie hat er seinen Kader in England gebaut?

Brighton steht seit Jahren für herausragendes Scouting und allgemein gute Arbeit. Mit einem großen Scouting-Netzwerk, welches weit über die Grenzen Europas hinausgeht, entdeckt Brighton jedes Jahr die Talente, die anderen Clubs niemals auffallen würden. Nur um ein paar Beispiele zu nennen: Moises Caicedo aus Ecuador, Kaoru Mitoma aus Japan oder Alexis Mac Allister aus Argentinien. Dabei setzen sie auf eine weitreichende Datenanalyse und eine lange Beobachtung des Spielers.

Der »Brighton-Hype« begann richtig in der Saison 2022/23 mit Graham Potter, der mit seinem aufregenden fußballerischen Ansatz an der Küstenstadt so überzeugen konnte, dass er nach Thomas Tuchels Entlassung beim FC Chelsea als dessen Nachfolger designiert wurde. Auf Potter ist Roberto De Zerbi gefolgt, der mit seinem taktischen Ansatz als einflussreichster Trainer des jetzigen Jahrzehnts gilt. Er hat Guardiolas »Positional-Play«-Ansatz erweitert, sodass auch andere Trainer, unter anderem Fabian Hürzeler bei St. Pauli, den »Brighton Ball« als Inspiration für ihre Taktik genutzt haben.

Nach zwei erfolgreichen Jahren wollte de Zerbi jedoch eine neue Herausforderung annehmen und hat den Verein um Freigabe gebeten. Der Italiener coacht nun Olympique Marseille und scheint seinen Erfolg auch beim französischen Traditionsverein fortsetzen zu können. Klar war es aber, dass Brighton auf einen Abgang De Zerbis bestens vorbereitet ist und einen Nachfolger vorstellen wird, der seinen Weg weitergehen kann. Fabian Hürzeler hat sich nach der Anfrage des Premier League-Clubs dann extrem darum bemüht, St. Pauli verlassen zu dürfen und wurde Mitte Juni vorgestellt.

Brighton kündigt die Verpflichtung von Fabian Hürzeler an

Brighton war auf dem Transfermarkt besonders aktiv. Es war der erste Sommer, in dem der Verein – mit Ausnahme von Pascal Groß – keinen wichtigen Spieler verloren und stattdessen kräftig investiert hat. Georgino Rutter, Brajan Gruda, Mats Wieffer, Ferdi Kadioglu, Matt O’Riley, Ibrahim Osman, Malick Yalcouye und Yankuba Minteh – allesamt spannende Profile und zum Teil die interessantesten Talente auf ihren Positionen, sind für rund 230 Millionen Euro in die englische Küstenstadt gewechselt.

Wie lässt Fabian Hürzeler seine Mannschaft spielen?

Der jüngste Premier-League-Trainer aller Zeiten bleibt zwar in der Grundidee dem Ansatz De Zerbis treu. Jedoch verbindet er diesen mit einem anderen Konzept, indem seine Spieler mehr Freiheiten erhalten und weniger strikt an das Positionsspiel gebunden sind.

Die Grundformation von Fabian Hürzeler bei St. Pauli war ein 3-4-3, hat sich jedoch bei Brighton zu einem klassischen 4-2-3-1 geändert. Im Ballbesitz wandelt sich diese Formation zu einem 2-3-2-3/5-0-5. Das Hauptziel dieses Systems ist es, Überzahl in der letzten Linie zu schaffen und Raum im Mittelfeld zu eröffnen. Dabei kann der Torwart – ähnlich wie im Tim Walter/Thiago Motta-System – auch in die erste Linie rücken und sich am Aufbau beteiligen. Ziel ist es, in der ersten Aufbauphase den Gegner zu hohem Pressing zu provozieren und den resultierenden Druck bespielen zu können.

Wenn der Gegner hoch anläuft, haben Mannschaften von Fabian Hürzeler zwei Optionen: Entweder das Pressing überspielen und den Ball in die letzte Linie bringen oder über das inverse Einrücken der Außenverteidiger das Zentrum besetzen und die zweite Linie in den Aufbau einbinden. Wichtig dabei ist, dass die Spieler möglichst pressingresistent sind und im progressiven Spiel nach vorn ihre Qualitäten haben.

Wenn der Gegner allerdings Hürzelers präferiertem Plan nicht entgegenkommt, sich nicht ins Pressing locken lässt und einen Low-block spielen lässt, kommt Plan B zur Geltung, welcher aus meiner Sicht, aber noch etwas ausgereifter werden muss. Hier lässt der 31-Jährige das Mittelfeld doch besetzen und lässt seine Mannschaft allgemein etwas tiefer spielen. Von da aus sollen die gegnerischen Linien flach überspielt werden.

Die letzte Linie ist stets ausreichend besetzt und kann – je nach gewünschtem Risiko – weiter verstärkt werden. Die Spieler nutzen freie Räume, besetzen das Zentrum und halten die Breite. Dabei bleibt die Formation flexibel. Im gezeigten Bild agiert Brighton in einem 2-2-6-System.

Fabian Hürzeler: Spielszene
Brighton gegen ManU unmittelbar vor dem 1:0: Sieben Spieler in der Nähe des letzten Drittels. In Ballnähe entstehen viele Anspielstationen über eine Diamantenformation (EXTENDED HIGHLIGHTS | Brighton v Manchester United | Premier League)

Um Brightons Ballbesitz noch mit Zahlen zu untermauern: Hürzelers Mannschaft spielt die fünftmeisten Pässe pro Ballpossesion (5,19), hat die viertbeste Passquote (87,47 %), hat den höchsten xG-Wert (2,18) und die viertmeisten Angriffe aus dem Openplay (30,75 pro 90) in der Premier League.

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Es mag den Anschein erwecken, dass Mannschaften von Fabian Hürzeler durch ihren offensiven Ansatz defensiv anfälliger sind. Dieser Gedanke ist jedoch völlig falsch – in den sechs Pflichtspielen für Brighton weist seine Mannschaft eine beeindruckende Tordifferenz von 13:4 auf. Die defensive Stärke der Mannschaft hängt mit einer gut ausgeklügelten Phase des Vier-Phasen-Modells nach Louis van Gaal zusammen:

Sobald der eigene Ballbesitz endet, werden die Angreifer sofort zu Verteidigern. Dies hilft einerseits, die geringe Restabsicherung ausreichend zu schützen, und kann andererseits durch die hohe Pressingintensität zu frühen Ballgewinnen führen, mit denen sofort weiter angegriffen werden kann. Sollte dies nicht gelingen, wird schnell auf Abwehrmodus umgeschaltet und in einem 5-2-3/4-3-3-Block agiert. Mit einem hohen Angriffspressing soll erreicht werden, dass der Gegner kaum Spielprogression erzielt und immer wieder gezwungen wird, den Spielaufbau neu zu beginnen. Auf lange Bälle ist die Abwehrkette ebenfalls gut vorbereitet: Sie steht relativ hoch und verengt den bespielbaren Raum so, dass effektiv auf Abseits gespielt werden kann.

Auch hier kann die defensive Stärke durch Statistiken verdeutlicht werden: Brighton hat den zweithöchsten Passes per defensive action-Wert (7,79) und die beste Zweikampfquote (70,33 %) der Premier League.

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Kommt mit der Fabian Hürzeler-Anstellung die feste Etablierung in der Premier League Top-6?

Brighton und sein neuer Trainer blicken auf einen absoluten Traumstart zurück. Mit jeweils zwei Siegen und zwei Unentschieden sind die »Seagulls« noch ungeschlagen und belegen den sechsten Tabellenplatz. Die Tatsache, dass sie bereits gegen Topteams wie Arsenal und Manchester United gespielt haben, unterstreicht ihre Fähigkeit, mit den Großen der Liga mitzuhalten. Hürzelers starker Einstand wurde zudem mit dem Titel »Premier League Manager des Monats« gekrönt.

Nicht zu vergessen ist ebenfalls, dass Fabian Hürzeler auch noch gar nicht auf viele seiner neuen Spieler zurückgreifen kann. Ferdi Kardioglu hat im EFL gegen Wolverhampton am vergangenen Mittwoch sein Debüt gegeben, Minteh rotiert zwischen Startelf und Bank, Wieffer ist bisher nicht fest gesetzt und Brajan Gruda sowie Matthew O’Riley sind noch nicht fit. So könnte die Top-Elf aussehen:

Fabian Hürzeler: Top Elf

Mit dieser Startelf kann und wird Brighton & Hove Albion definitiv oben mitspielen. Fabian Hürzeler wird mit zunehmender Erfahrung als Trainer noch besser werden. Ein Vergleich mit Klopp mag zwar etwas hinken, dennoch sollte man Hürzeler als großes Trainertalent betrachten, dessen Entwicklung kaum Grenzen gesetzt sind. Aus Vereinssicht kann Hürzelers Verpflichtung als weitere hervorragende Entscheidung gesehen werden, nachdem es zunächst aussichtslos erschienen war, De Zerbi adäquat zu ersetzen. Ein Top-6-Finish halte ich in dieser Saison für durchaus möglich, da der Transfersommer erneut nahezu ideal verlaufen ist und der Kader nochmals verstärkt wurde.